Kampf gegen Windmühlen
Mähaktion wirft Artenschutz-Projekt zurück [15.05.20]

Mai 2019 vs. Mai 2020: Eine Mähaktion auf dem Campus wirft die Intiative von Hohenheimer Insektenschützern zurück. Bild: Uni Hohenheim
Nein, über die frischgemähten Wiesen auf dem Campus können sie sich ganz und gar nicht freuen. Denn: Wildblumen standen gerade vor der Blüte und die bunten Wiesen hätten Insekten noch bis Ende Juni ein wertvolles Refugium bieten können. Hohenheimer Profs und Studierende, die sich dem Kampf gegen das rasante Artensterben verschrieben haben, wollen nicht nur forschen und andere beraten. Sie sehen auch die Uni selbst in der Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Zumal ein neu eingerichtetes Kompetenzzentrum der Uni Hohenheim und des Staatlichen Museums für Naturkunde Stuttgart landesweit Praxiswissen in Sachen Insektenschutz vermitteln soll. Doch lokale Projekte auf dem Campus gleichen bislang zuweilen einem Kampf gegen Windmühlen.
Im letzten Jahr um diese Zeit konnte man auf dem Campus Erstaunliches erleben: Margeriten sprossen rund ums Schloss, Wildkräuter eroberten die Wiese vor dem Otto-Rettenmaier-Audimax, bunte Tupfen von Klee und Löwenzahn zierten den Grünstreifen vor Bibliothek, Agrartechnik und Lebensmitteltechnologie entlang der Garbenstraße. Bis Ende Juni wuchsen die Wildgräser am Schloss so hoch, dass eine Heuernte eingefahren werden konnte.
Das Herz von Hohenheimer Artenschützern schlug höher. Doch in diesem Jahr? Nichts davon. Aufgrund von Home-Office und digitalem Corona-Semesters nahezu unbemerkt, widmeten sich eifrige Landschaftspfleger in den vergangenen zwei Wochen dem vermeintlichen „Unkraut“ am Wegesrand. Und zerhäckselten mit dem Mulchmäher nicht nur Lebensräumen für Insekten, sondern auch wertvolle Studienobjekte für Studierende.
Margeriten ums Schloss erfreuten im letzten Jahr vielen Uni-Angerhörigen. Bild: Uni Hohenheim.
„Ich selbst arbeite gerade von zu Hause aus. Doch in den letzten Tagen erreichten mich gleich mehrere Mails von Kollegen und Studierenden. Alle sind fassungslos – auch angesichts der Tatsache, wie viele Gespräche in den letzten zwei Jahren geführt wurden und wie viele Personen in dieser Sache aktiv waren“, berichtet Prof. Martin Hasselmann vom Fachgebiet für Populationsgenomik bei Nutztieren.
Artensterben nimmt dramatische Ausmaße an
Neben der Klimakrise gehört der Verlust von Biodiversität zu den dringendsten Problemen des 21. Jahrhunderts. Setzt sich das Insektensterben weiter in der gegenwärtigen Geschwindigkeit fort, steht zu befürchten, dass die Ökosysteme wichtige Funktionen in Zukunft nicht mehr erfüllen können, wie z.B. die Bereitstellung von frischem Wasser und frischer Luft, die Bestäubung von Nutz- und Wildpflanzen und den Abbau von organischem Abfall.
Insektensterben |
Außerhalb von Ortschaften sind die Hauptgründe des Insektensterbens v.a. die intensive Landwirtschaft mit der Vernichtung von Strukturen und einheimischen Pflanzen, an denen sich Insekten entwickeln können, zu häufiger Düngung, Pestizideinsatz und zu häufige Mahd. Die Hauptursachen in Ortschaften sind vielfältig. Dazu gehören die ebenfalls intensive Mahd von Grünanlagen und Privatgärten, oft verbunden mit Mulchen und der Verwendung von Mährobotern, das Anpflanzen von fast ausschließlich fremdländischen Pflanzenarten, die als Nahrung für einheimische Insekten ungeeignet sind, die Beseitigung von als „Unkraut“ wahrgenommenen einheimischen Pflanzenarten, der Einsatz von Laubbläsern und die Anlage von Steingärten. |
An der Uni Hohenheim wird dieses Phänomen an verschiedenen Fachgebieten eingehend erforscht. Forschende bringen ihre Expertise in öffentlichen Diskussionen ein und beraten die Politik, zuletzt z.B. im Zusammenhang mit dem kontroversen Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Ergebnis war u.a. eine Gesetzesinitiative des Landes, die sowohl Landwirtschaftsverbände als auch Insektenschützer als Kompromiss akzeptierten. Neben der Landwirtschaft sollen dabei in Zukunft u.a. auch Landeseinrichtungen und Kommunen verstärkt für den Insektenschutz in die Pflicht genommen werden.
Zugleich sagte das Land mehr Geld für die Biodiversitäts-Forschung zu. Im November 2019 wurde daraufhin ein Zentrum für Integrative Taxonomie eingerichtet, das vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart und der Universität Hohenheim gemeinsam getragen wird. Ziel ist es, das Fachwissen zur Artenvielfalt im Land zu stärken und in die Gesellschaft zu tragen.
„Universität sollte Vorbild sein“
„Der Campus steht im Blick der Öffentlichkeit. Wir haben eine gesellschaftliche Verantwortung, mit gutem Beispiel voranzugehen und selbst das umzusetzen, was wir anderen raten. Das Insektensterben lässt sich nur stoppen, wenn Akteure auf vielen Ebenen mitwirken – wir wollen gerne zeigen wie! Idealerweise nicht im Hinterhof oder am äußersten Rand des Campus, sondern anhand von Flächen, die Besucherinnen und Besuchern ins Auge fallen. Dies wollen wir sehr gerne auch mit kommunikativen Maßnahmen begleiten“, betont Hasselmann.
Zu den Hohenheimer Akteuren zählt unter anderem Prof. Lars Krogmann vom Fachbereich Systematische Entomologie, Prof. Johannes Steidle aus der Chemischen Ökologie, Prof. Frank Schurr aus der Landschaftsökologie und Vegetationskunde, Prof. Martin Hasselmann vom Institut für Populationsgenomik bei Nutztieren und Dr. Helmut Dalitz von den Hohenheimer Gärten. 2019 hat sich außerdem die studentische Initiative „Bunte Wiese Stuttgart“ begründet.
Verantwortlichkeiten erschweren Initiative
Doch die Sache ist kompliziert. Denn für die Grünflächen um die Campus-Gebäude ist die Uni nicht selbst verantwortlich, sondern das Universitätsbauamt Stuttgart und Hohenheim. Anders als der Name vermuten lässt, ist es kein Teil der Universität, sondern eine Behörde des Landesamts für Vermögen und Bau im Finanzministerium.
„Wir haben in den letzten zwei Jahren hartnäckig den Dialog gesucht. Es gibt dort viele Bedenken: Von Ästhetik über erhöhten Aufwand für den Abtransport von Heu und dadurch entstehende Brandlast bis hin zu angeblich versperrten Feuerwehrzufahrten durch hochgewachsene Gräser. Aber unser Anliegen wird inzwischen grundsätzlich ernstgenommen. Wie sich herausstellte waren die bunten Wiesen im letzten Jahr allerdings leider noch kein Resultat eines umfassenden Sinneswandels, sondern hatten eher mit einem akuten Personalengpass und einem Wechsel des externen Dienstleisters zu tun“, so Hasselmann.
Heuernte 2019: Einen Anblick wie damals wird es in diesem Jahr nicht geben. Bild: Uni Hohenheim
In einer Gesprächsrunde im März verständigte man sich schließlich darauf, zumindest an ausgewählten Flächen weiter an das insektenfreundliche Mahdkonzept anzuknüpfen. Unter anderem will der Arbeitskreis auf einem abgegrenzten Bereich südliches des Schlosses demonstrieren, wie sich eine Stück Wiese entwickelt, wenn es nur zweimal im Jahr gemäht wird. Auch eine schon seit langem konzipierte Grünfläche hinter dem Ökogebäude soll dauerhaft als Biotop fungieren und für Lernprojekte zur Verfügung stehen, z.B. Arten zählen und bestimmen. Auf Vorschlag des Unibauamts wurde im letzten Jahr außerdem eine Fläche bei der alten Phytomedizin als Bienenweide ausgewiesen.
Universitätsbauamt bedauert Versehen
„Es sind sehr kleine, mühsam errungene Schritte, aber wir waren froh, dass überhaupt etwas in Bewegung kommt. Umso größer ist jetzt unsere Enttäuschung, dass selbst diese Bereiche entgegen der Absprache gemäht wurden. Die Mähaktion wirft uns auch deshalb zurück, weil beim Mulchen das zerhäckselte Schnittgut auf der Fläche liegen bleibt und somit eine Düngung des Rasens bewirkt. Wildpflanzen bevorzugen jedoch magere Böden und können sich in der Folge nur schwer durchsetzen. Außerdem kamen keine Pflanzen zur Samenreifung und zweijährige Pflanzen wurden zerstört. Dies sind Gründe, warum es mehrere Jahre dauert, bis aus einem Rasen eine bunte Wiese entsteht“, erklärt Hasselmann.
Sybille Müller, Leiterin des Bauamts, erklärt: „Es handelt sich schlicht und ergreifend um ein Versehen. Wir haben dem Dienstleister klare Anweisungen gegeben und bislang eigentlich nur positive Erfahrung mit der Firma gemacht. Es tut uns leid, dass hier offensichtlich etwas vor Ort schiefgelaufen ist. Das Anliegen der Universität ist uns wohl bewusst, und wir ergreifen ja auch bereits zahlreiche Maßnahmen um dem Thema Rechnung zu tragen. Beispielsweise werden für Neubauten ökologische Ausgleichsflächen auf dem Campus eingerichtet.“
Studentische Initiative |

|
Die Akteure rund um Prof. Hasselmann stellt diese Antwort nicht zufrieden: „Natürlich ist es nicht damit getan, in einer Ausschreibung zu vermerken, dass bestimmte Fläche nicht gemäht werden sollen. Die Person, die auf der Maschine sitzt, muss eine klare Einweisung erhalten und auch über die Hintergründe informiert werden. Darauf haben wir in den Gesprächen immer wieder hingewiesen. Und wir hätten uns auch gerne dabei eingebracht. Leider wurden wir bei der Vergabe der Aufträge jedoch außenvorgelassen. Nun ist genau das eingetreten, was wir von vorneherein befürchtet hatten.“
Hohenheim ist überall
Aufgeben wollen die Hohenheimer Artenschützer, die unter Federführung von Prof. Steidle inzwischen einen Brief an den Dienstleister gerichtet haben, deshalb nicht: „Langwierige Diskussionen, Interessenskonflikte, praktische Probleme und Hürden bei der Kommunikation – das alles muss ja an ganz vielen Stellen in der Gesellschaft ausgetragen werden, wenn wir einen echten Wandel erreichen wollen. Hier geht es uns nicht anders. Wir bleiben also dran!“, sagt Hasselmann.
Text: Leonhardmair